| Von
Mario de Queiroz
Lissabon,
9. August In Portugal sind Migranten aus Osteuropa
und Zentralasien, deren Zustrom in jüngster Zeit ständig
wächst, willkommen. Helfen die Ukrainer, Weißrussen,
Balten oder Kirgisen dem relativ armen EU-Land doch beim raschen
Aufbau seiner Infrastruktur. Vor allem der Bausektor schätzt
die qualifizierten Arbeitskräfte aus dem Osten, die bereitwillig
zu Niedrigstlöhnen schuften.
Bislang
stammte das Gros der legalen Zuwanderer, die in Portugal einen
Job suchten, aus den ehemaligen portugiesischen Kolonien in
Lateinamerika und Afrika. Ihr Bevölkerungsanteil liegt
bei 1,9 Prozent. Inzwischen aber haben die Ukrainer die Brasilianer
als bislang größte Migrantengruppe überholt.
Im
Vergleich zu den übrigen Mitgliedsländern der Europäischen
Union ist Portugal noch wenig industrialisiert. Doch mit einem
Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 13.200 Dollar pro Kopf der
Bevölkerung von zehn Millionen Menschen lässt es
die Wirtschaftsleistung der Länder der ehemaligen Sowjetunion
weit hinter sich.
Da
die Europäische Union Portugal hilft, gegenüber
den EU-Partnerländern aufzuholen, ist die Bauwirtschaft
des Landes zu einer schwungvollen Jobmaschine geworden. Facharbeiter
aus dem Osten sind gesuchte Leute. Doch nicht nur qualifizierte
Handwerker arbeiten am Bau. Auch Ärzte, Anwälte
und Ingenieure verdingen sich in Portugal bereitwillig als
Bauarbeiter.
Neben
den Ukrainern, die die größte Zahl der Zuwanderer
aus dem Osten stellen, haben Moldavier, Weißrussen,
Georgier, Litauer, Kasachen, Usbeken, Letten, Esten, Kirgisen,
Armenier, Tadschiken und Turkmenen in Portugal Arbeit gefunden.
In
den größeren Städten findet man an den Zeitungsständen
immer mehr Publikationen in russischer Sprache. Einige dieser
Zeitungen wie 'Slobo' und 'Nasha Gazeta', die in Lissabon
erscheinen, erreichen Auflagen von über 30.000 Exemplaren,
das entspricht einem Drittel der Auflage, in der Portugals
größte Tageszeitung 'Jornal de Noticias' erscheint.
Auch
Portugals Einzelhandel hat sich auf die neue Migrantengruppe
eingestellt. Im Sortiment der Buchländen findet man Titel
in kyrillischer Sprache. Große Supermarktketten räumen
neuerdings auch russische Spezialitäten wie Kohl, Wodka
und russisches Bier in ihre Regale.
Inzwischen
machen Ausländer 4,1 Prozent der portugiesischen Bevölkerung
aus. Nach Angaben der staatlichen Einwanderungsbehörde
(SEF) stammen 65 Prozent aus Osteuropa.
Einige
Männer aus einer Gruppe ukrainischer Arbeiter, die IPS
in einem Supermarkt in Lissabon angetroffen hat, berichten,
sie hätten, bevor sie nach Portugal kamen, schon in ganz
Europa nach Arbeit gesucht, um den Unterhalt für ihre
Familien in der Heimat zu verdienen. Manch einer von ihnen
hofft, später einmal den Sprung über den Atlantik
zu schaffen und in die USA einzuwandern.
Andere,
wie der Ukrainer Gennadi Starskow, der in zehn Monaten die
Landesprache erlernt hat, würde am liebsten für
immer in Portugal bleiben. "Hier behandeln uns die Menschen
freundlich und solidarisch. Wenn wir Glück haben, finden
wir weiterhin am Bau gute Arbeit."
Doch
in der EU hält man nichts von derartigen Integrationswünschen,
kritisieren Analysten. "In der Ausländerpolitik
hat die Europäische Union den politischen Vorstellungen
der extremen Rechten nachgegeben", meint die Journalistin
Teresa de Sousa, die für die in Lissabon erscheinende
Zeitung 'Publico' schreibt.
"In
Italien sieht die Regierung Berlusconi legale Einwanderer
lediglich als Arbeitspotential. Sie dürfen arbeiten oder
sie werden ausgewiesen", sagt Sousa. Auch Portugals Premierminister
José Manuel Durao folge diesem Kurs.
José
Manuel Fernandes, der Chefredakteur von Publico, kritisiert
ebenfalls diese Marschrichtung der portugiesischen Regierung.
Im
Juni dieses Jahres registrierte die Einwanderungsbehörde
SEF 65.553 Ukrainer, die sich legal in Portugal aufhielten.
Der ukrainische Konsul Oleg Trykozensko schätzt, dass
es insgesamt etwa 200.000 ukrainischen Immigranten im Land
gibt. "Das entspricht etwa der durchschnittlichen Bevölkerung
einer ukrainischen Stadt", fügt er hinzu.
Gegenüber
IPS meinte ein SEF-Beamter, der nicht namentlich genannt sein
will, zu den mehr als 300.000 Ausländern, die sich legal
in Portugal aufhalten, müsse man gut noch einmal so viele
Illegale hinzuzählen und käme dann auf fast 700.000.
Die
meisten illegalen Zuwanderer kommen aus den ehemaligen Kolonien
Angola, Brasilien, Kap Verde, Guinea-Bissau, Mosambik, São
Tomé und Príncipe und Osttimor. Da sie fließend
portugiesisch sprechen, kann die Polizei sie nicht so leicht
als Ausländer erkennen.
Doch
auch osteuropäische Schlepperbanden und portugiesische
Baufirmen schleusen illegale Arbeitskräfte ein.
Diese
arbeiten zu Bedingungen, die an Sklaverei grenzen. Sie erhalten
nur ein Drittel des Lohns, den Portugiesen und legale Arbeitskräfte
verdienen. Für sie gibt es weder schriftliche Arbeitsverträge
noch Arbeitsschutz oder ein soziales Netz, das sie bei Krankheit
oder Jobverlust auffängt. Menschenrechtsaktivisten berichten,
dass sie häufig von ihren Schleppern bei der Polizei
angezeigt und dann ausgewiesen werden.
Auf
Wunsch der Arbeitgeber hatte Portugals ehemaliger Premierminister
Antonio Guterres (1995-2002) ein Gesetz durchgebracht, dass
den Aufenthalt auch der ausländischen Arbeitskräfte
legalisiert, die keine ordnungsgemäßen Papiere
vorweisen konnten.
"Portugal
ist das EU-Land mit der niedrigesten Produktivität",
erläutert die Soziologin Maria Baganha. "Die Einwanderung
aus Osteuropa bietet dem Land die Möglichkeit, zu einem
großen Entwicklungssprung anzusetzen."
Sprecher
der brasilianischen und afrikanischen Einwanderergruppen beklagen
sich darüber, dass mehr als 90 Prozent aller verfügbaren
Jobs an Ukrainer, Rumänen, Russen und Moldavier vergeben
wurden.
Das
liege daran, dass nicht alle Einwanderer gleich brauchbar
seien, meint der Präsident des privaten Baugewerbes,
Rui Viana. "Die Arbeit mit Afrikanern ist schwieriger.
Viele sind Analphabeten. Die Arbeiter aus Osteuropa sind gebildeter
und besser qualifiziert."
Diese
Haltung sei rassistisch, sagt der in Guinea-Bissau geborene
Parlamentsabgeordnete Fernando Ko. Er ist der Sprecher der
Luso-Afrikanischen Gemeinde in Portugal. Die Arbeitgeber,
so Ko, bevorzugten die Osteuropäer, weil diese bereit
seien, zu jedem Preis und jederzeit zu arbeiten." Zudem
seien sie eher bereit, sich den Bossen zu fügen. "Doch
Afrikaner und Brasilianer sprechen die Landessprache besser
und finden sich auf dem Arbeitsmarkt besser zurecht",
betont Ko. (Ende/IPS/mp/2002)
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